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Peter Bichsel - Stimme für den unbekannten Nachbaren

Solothurn ist eine barocke Kleinstadt am Jurasüdfuss. In ihr wohnt die Durchschnittlichkeit. Im Cafe “Kreuz” sitzt fast täglich der Schriftsteller Peter Bichsel und der wurde vor letzten Monat 75. Jahre alt.
Ihn kennt jedes Kind, einige vielleicht mehr, den er war in den 60er Jahren mal Primarlehrer, aber sicher seine Literatur. “ Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen. 21 Geschichten.” 1964 Luchterhand,  sind Geschichten von Menschen, die nicht auffallen, einer Arbeit nachgehen, konservativ leben, aber gleichwohl voller Träume und der Sehnsucht leben, eigentlich jemanden kennenzulernen möchten, den sie täglich sehen, aber nie an ihn herankommen, da die Scheu oder die äusseren Umständen es nie zulassen. Es ist und waren genau diese Schweizer, die im Ausland als angenehm empfunden werden, da sie nie anstössig sind und im Inland jeder Konfrontation aus dem Weg gehen, die Peter Bichsel beschrieb.
Die kleinen Geschichten des Alltages immer in sehr kurzen Sätzen wiedergeben sind, neben seiner Person mit der nasalen Stimme sind das Charakteristikum des Solothurners. Zu Beginn seiner literarischen Laufbahn schreib er ”Kindergeschichten” 1969 Luchterhand, für die er zwei Jahre später den deutschen Jugendbuchpreis gewann.
In den sechziger Jahren war die Schweizer Literaturszene noch unstrukturiert und ohne Förderung. Die Gruppe 47 Olten und sein Gründer Bichsel schufen eine Förderstelle, der auch Max Frisch angehörte
1967 erschien der erste Roman “Die Jahreszeiten” Luchterhand. In «Die Jahreszeiten» gibt es zwei parallel verlaufende Geschichten, die einen gemeinsamen Bereich haben und sich so vermischen. Die eine Geschichte ist die eines Hauses, das 1927 erbaut worden ist und in dem der Ich-Erzähler mit seiner Familie in einer Wohnung lebt. Erzählt wird, wie das Haus altert und Renovationen nötig werden, wie ein Boiler ersetzt werden muss oder wie Ungeziefer die Dachverdeckung befällt und über viele alltägliche Dinge. Ebenfalls schreibt der Ich-Erzähler über die Bewohner des Hauses, hier kommt die zweite Geschichte ins Spiel. Während der Erzähler sein Zimmer beschreibt, bringt er die Rede auf einen Wasserkrug, der auf einer Kommode steht. Dieser Wasserkrug existiert jedoch nicht so, wie der Erzähler ihn beschreibt, aber er könnte so existieren. Nun gibt der Erzähler dem Wasserkrug eine Geschichte, die durchaus wahr sein könnte. Mittels dieser Geschichte lernt der Leser Kieninger kennen, eine Figur des Erzählers, die ihm den Wasserkrug gebracht hat.
Durch seine Freundschaft mit dem späteren Bundesrat Willi Ritschard und den politischen Wirren der siebziger Jahre veränderte sich sein Schreiben. Er wurde Verfasser von Kolumnen in der Weltwoche und Redeschreiber von Ritschard. Ausser Aufsätzen zur Zeit hat er bis 1985 nichts veröffentlicht. Dann erschien  “Der Busant” Luchterhand. Busant heißt ein reicher Heimwehsolothurner, mit dessen Geld Solothurns Altstadt “schöngemacht” (und unbewohnbar) wird. Busant ist aber auch der Name des Vogels, der die mittelalterliche Geschichte von der schönen Magelone und dem Grafen Peter von Provence, die Geschichte einer lebenslangen Liebe und Suche, ausgelöst hat. Und die schöne Magelone ist nicht nur eine Königstochter aus dem fernen Neapel, sondern auch eine ewig betrunkene Sekretärin oder Serviertochter aus dem heutigen Solothurn…
Eine grosse Leidenschaft Peter Bichsel ist das Bahnfahren. Viele seiner Texte und vor allen seine Kolumnen für die Zeitschrift  Schweizer Illustrierte entstanden in der Bahn und mit
Eisenbahnfahren/ Insel, Frankfurt 2002 und  Kolumnen, Kolumnen. Suhrkamp,2005 sind diese auch als Buchform erschienen.
Bis zur Ehrung mit dem Gottfried Keller Preis 1999 war er viel fürs Radio tätig und verfasste die in den 70/80er erfolgreichen Hörspiele.
“Dezembergeschichten”, Insel 2007 und sein “Über Gott und die Welt - Schriften zur Religion.” Suhrkamp 2009 sind seine letzten Bücher, die einen melancholischen Bichsel zeigen, der wie immer viel über den Menschen und sein Beschränktheit nachdenkt und seine Haltung, wenn der Mann von nebenan morgen wieder seiner Arbeit nachgeht als wären die existenziellen Fragen vom Tisch.

2.4.10 18:44

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